Als kleiner Junge verbrachte Bruno viele Stunden in der Garage. Während sich seine Geschwister im Haus vergnügten, schlüpfte er  hinter das Steuer vom Auto seines Vaters und stellte sich vor, er wäre ein echter Rennfahrer. „Mich hat eigentlich alles fasziniert, was sich mithilfe eines Motors fortbewegen kann“, gibt Bruno während unseres Interviews lachend zu. Das erklärt auch, weshalb er einer der Ersten war, der sich als „Motorradfahrer“ meldete als unsere Verwaltung wieder eine Motorradbrigade ins Leben rief.

 

Bruno, was hat dich zu unserer Verwaltung geführt?

 

Nach der Mittelschule wollte ich eigentlich Lehrer werden, aber da mein Großvater und mein Vater beide beim Zoll arbeiteten, wurden wir ermutigt an den Prüfungen teilzunehmen, die damals noch vom ständigen Anwerbungssekretariat ausgerichtet wurden. Da ich die Prüfung bestand, trat ich direkt bei der GVZ&A meinen Dienst an. Rückblickend betrachtet war das eine sehr gute Entscheidung. Bei unserer Verwaltung hat man ja wirklich die Möglichkeit, seine Karriere nach seinen eigenen Wünschen zu gestalten.

 

Ist deine Laufbahn ein gutes Beispiel dafür?

 

Ja, ich habe meine Laufbahn 1978 im Norden, im Hafen von Antwerpen begonnen. 25 Jahre lang war ich dort Teil des Kontrollteams, bis der Fahndungsdienst in Antwerpen mein Interesse weckte. Ich hatte den Wunsch, noch intensiver an Betrugsfällen mitzuarbeiten. Ich hatte auch dort wirklich tolle Kollegen/-innen, aber die Arbeit lag mir einfach nicht. Als ich dann mitbekam, dass die GVZ&A plante, wieder eine Motorradbrigade ins Leben zu rufen – wie in den 30er Jahren –, musste ich aufgrund meiner Leidenschaft nicht lange überlegen. Seitdem bin ich bei der nationalen motorisierten Brigade und mit viel Herzblut bei der Sache. Diesen Job mache ich inzwischen seit 15 Jahren (seit 2007).

 

Deine Ausbildung zum Motorradfahrer war kein leichtes Unterfangen, wie ich hörte? Kannst du uns mehr dazu erzählen?

 

Die Ausbildung fand bei den Kollegen/-innen im Großherzogtum Luxemburg statt und dauerte drei Monate. Anfangs gefiel es mir sehr gut, bis mir klar wurde, dass wir mit militärischer Disziplin in einer Kaserne trainiert werden würden. Wie Armeesoldaten mussten wir frühmorgens zum Appell antreten und wenn das Training vorbei war, mussten wir neben unserem Fahrzeug auch noch die Toiletten und andere Räumlichkeiten putzen. Das Training war dermaßen hart, dass wir gar keine Zeit hatten uns mit einer bestimmten Übung vertraut zu machen. Manchmal ging es direkt mit dem nächsten Manöver weiter, was natürlich eine große Unsicherheit zur Folge hatte. Wenn wir Fehler machten, wurden wir von den Ausbilder/-innen in hartem Ton zurechtgewiesen. Zudem mussten wir 10 Prüfungen ablegen, von denen wir insgesamt mindestens 50 % bestehen mussten. Die Atmosphäre und die Tests sorgten dafür, dass wir permanent unter Stress standen. Wir sind mit 12 Kandidaten/-innen gestartet und nur 4 Kollegen/-innen haben es geschafft.

 

Du findest also, dass man einen anderen Ansatz verfolgen könnte?

 

Ja, ganz sicher. Wir haben zwar unheimlich viel gelernt, aber ich bin davon überzeugt, dass auch auf anderem Wege so gute Ergebnisse erzielt werden können.

 

Wir haben zum Beispiel später noch an einer Schulung zum Thema „Eskortieren von Fahrzeugen“ bei der belgischen Militärpolizei teilgenommen. Das Training hatte es in sich mit langen Arbeitstagen, klaren Ansagen und strenger Disziplin, aber ohne den harten Umgangston.

 

Die heutigen Kandidaten/-innen für die Motorradbrigade nehmen lediglich an einer internen Schulung bei meinem Kollegen Andy teil, der dabei von John unterstützt wird. Meine Kollegen Tony und Erik machen gerade bei Andy eine Schulung zum Ausbilder. Die Atmosphäre in diesem Kurs entspricht eher der Stimmung, die in dem Kurs bei der Militärpolizei herrschte.

 

Hatten die Corona-Maßnahmen Auswirkungen auf deinen Arbeitsalltag?

 

Ja, sicher. Bereits Anfang März 2020 wurden wir gebeten die Föderale Polizei an der Grenze zu unterstützen. Das war eine krasse Zeit, muss ich sagen. Man hat von uns erwartet, dass wir während der gesamten Frühschicht (von 6:00 bis 14:00 Uhr) und der gesamten Spätschicht (von 14:00 bis 22:00 Uhr) am Dienstposten anwesend waren. Ich hatte das Glück, dass ich in der Provinz Antwerpen bleiben konnte, aber wir sind ein Team, das auf nationaler Ebene eingesetzt wird. Andere Kollegen/-innen mussten also von weit her kommen, bzw. hatten einen weiten Heimweg.

 

Die Föderale Straßenpolizei hatte das Zepter in der Hand. Anfänglich wurden wir nur für statische Kontrollen eingesetzt: In der Regel in Zusammenarbeit mit der Polizei hielten wir ein Fahrzeug nach dem anderen an der Grenze an und kontrollierten, ob der Grenzübertritt unbedingt erforderlich war.

Später waren die Polizeikontrollen so organisiert, dass wir Motorradfahrer/-innen die Nebenstraßen befuhren, um dort die Fahrzeuge, die die Kontrollen umgehen wollten, mit dem Motorrad abzufangen und zu kontrollieren. Wenn die Fahrer/-innen keine gute Begründung für das Überqueren der Grenze hatten, begleiteten wir die Fahrzeuge bis zum Dienststelle, wo die Polizei dann ein Covid-Protokoll erstellte.

 

Du sagst, ihr seid ein „nationales Team“ von Motorradfahrer/-innen. Wie darf man sich das vorstellen?

 

Wir haben einen eigenen Standort, werden aber von Patrick, unserem unmittelbaren Vorgesetzten, zentral von Brüssel aus geleitet. Unter seiner Leitung wird für jede(n) Motorradfahrer/-in ein Plan erstellt, der auf Anfragen nach Unterstützung der Teams „Kontrolle auf öffentlicher Straße“ basiert. Luc stellt unseren Arbeitsplan auf, den wir über einen SharePoint einsehen können.

Wir arbeiten im unregelmäßigen Leistungssystem nach Aufträgen und nicht im Schichtdienst. Man tritt nicht der Motorradbrigade bei in der Hoffnung auf besondere Vorteile – das führe ich jetzt hier nicht aus, da es zu weit führen würde –, man wird „Motorradfahrer“ bei der GVZ&A aus Leidenschaft. Natürlich hat man eine gewisse Autonomie, man bestimmt selbst die Zeit, die man braucht, um zu einer bestimmte Dienststelle zu gelangen. Dieses entgegengebrachte Vertrauen empfinde ich als eine Form von Wertschätzung, die wiederum den Eifer der Motorradfahrer bestärkt.

 

Du wurdest ausgezeichnet, weil du in diesem Job jeden Tag aufs Neue dein Bestes gibst. Was treibt dich an?

 

Sicherlich zum Einen die Tatsache für das große Ganze und das Gemeinwohl zu arbeiten. Zum Anderen fahre ich nach wie vor einfach sehr gerne Motorrad. Das Anhalten von Fahrzeugen auf der Autobahn finde ich zum Beispiel besonders spannend.

 

Gerätst du oft in gefährliche Situationen?

 

Eine gefährliche Situation entsteht zum Beispiel, wenn bei einer Kontrolle jemand Fahrerflucht begeht. Während einer Verfolgung sahen wir einmal, wie der Fahrer eine größere Menge Haschisch aus dem Fenster warf. Mein Kollege hielt an, um die Drogen aufzusammeln und ich verfolgte weiter. Ich konnte den flüchtigen Fahrer letztlich anhalten indem ich mein Motorrad etwas weiter vor seinem Fahrzeug abstellte. Als ich auf ihn zuging, gab er plötzlich Vollgas und rammte mein Motorrad, das aufgrund der enormen Geschwindigkeit auf der anderen Straßenseite landete. Die Maschine war natürlich schwer beschädigt.

 

Ich mag keine Verfolgungsjagden, weil sie uns zwingen unvorhersehbare Risiken einzugehen. Unsere Ausbildung der letzten Jahre hat sich jedenfalls bereits bezahlt gemacht.

 

Am 1. Mai gehst du in Rente. Welche schönen Erinnerungen nimmst du mit?

 

Neben der Arbeit an sich und den vielen netten Kollegen/-innen habe ich unsere Teilnahmen am Tag der offenen Tür der Polizei in Gent und am Tag des Zolls in Bokrijk immer sehr geschätzt. Wir durften dann begeisterte Kinder hinten auf dem Motorrad für eine kleine Tour auf einem festgelegten Parcours mitnehmen. Die Kids waren natürlich hellauf begeistert. Alles war auch immer sehr gut organisiert.

Eine schöne Anekdote ist die Geschichte einer Mutter, die mit ihrem Kind in einem Eurolines-Bus reiste. An einer Tankstelle, an der wir uns zufällig auch aufhielten, nutzte sie den Stopp, um kurz in den Shop zu gehen. Aber als sie wieder rauskam, war der Bus weg ... mit ihrem Kind an Bord!  In Panik rannte sie zu uns. Wir haben sofort reagiert und ließen die Mutter in unseren Kombi einsteigen. In der Zwischenzeit verfolgte ich bereits den Bus mit dem Motorrad, um ihn zum Anhalten zu bewegen. So konnten wir Mutter und Kind wieder zusammenführen. Ende gut, alles gut.

 

Ende gut, alles gut ... Danke, Bruno!

Der 26. Januar wurde zum Internationalen Tag des Zolls erklärt. Die Initiative ging im Jahr 1983 von der WZO aus, und zwar anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens. Unser Generalverwalter verleiht diesem Tag alljährlich einen besonderen Glanz, indem er einige Kollegen/-innen mit der Medaille „Beamter/-in mit besonderem Verdienst“ auszeichnet. Auf die Verleihung im Rathaus von Brüssel folgt stets ein Besuch des Manneken-Pis und eine Einladung ins Restaurant.

Falls Catharine, Preben, Stefan, Bruno, Michele, Eddy, Roger, Paul, Dominique, Bernhard und Anne dachten, dass unser Generalverwalter den Internationalen Tag des Zolls aufgrund der Corona-Maßnahmen in diesem Jahr nicht begehen würde, lagen sie falsch. Die Medaille wurde ihnen persönlich überreicht, entweder zu Hause oder am Arbeitsplatz. Mithilfe eines Films hatten die Preisträger/-innen die Möglichkeit, dem Generalverwalter und den Kollegen/-innen, die sie nominiert hatten, von Herzen für die große Wertschätzung zu danken.

So ist Bruno seit der Neugründung der Nationalen Motorbrigade im Jahr 2007 als Motorradfahrer unterwegs. Viele Kollegen/-innen kennen ihn, da er mit viel Engagement die verschiedenen Teams der 1. Linie bei der Durchführung von Straßenkontrollen unterstützt. Zudem ist Bruno immer mit dabei, wenn es darum geht den Bürger/-innen die unzähligen Aufgaben unserer Verwaltung anlässlich von Marine- oder Hafentagen und früher beim „Tag der offenen Tür der Polizei“ näherzubringen. Wir möchten vorstellen ...
… Bruno, Motorradfahrer aus Leidenschaft
Ausbildung in Luxemburg – nichts für schwache Nerven
Bruno mit dem ehemaligen Minister der Finanzen J. Van Overtveldt bei einer Zollfahndung mit der Föderalen Polizei von Rekkem im Jahr 2015
Im Einsatz beim Hafentag in Antwerpen
Bruno mit zwei Kameraden nach einem Ausbildungstag in Luxemburg
Gruppenfoto der ersten Motorradfahrer der (neuen) Nationalen Motorradbrigade im Jahr 2007
Gruppenfoto der Kollegen/-innen, die beim Tag des Zolls in Bokrijk mitgewirkt haben
30.06.2021   •   Text: A.V.P.   •   Fotos: Stephane Biebuyck, Michaël Van Giel, William Verbraekel und A.V.P.   •   Layout: I.D.W.
Übersetzung: die Kollegen vom Übersetzungsdienst und Ariane Chavet
Bruno Borgonjon